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Menschen und Gewässer im Einklang – Balanceakt im dicht besiedelten Kanton
07.10.2011 - Medienmitteilung
Wasser ist Leben. Gewässer begründeten die Entwicklung des Kantons Zürich, brachten ihm Reichtum. Bäche, Flüsse und Seen spenden Energie – früher für die Industrie, heute auch der erholungssuchenden Bevölkerung. Wasserversorgung und Kanalisation bedeuten Komfort und Hygiene. Doch schwellen Gewässer zu reissenden Strömen an, bedrohen sie mehr denn je Menschen und Sachwerte. Und werden sie übernutzt, drohen sie zu sterben. Wie die kantonale Baudirektion mit dem kostbaren, bedrohlichen und bedrohten Wasser umgeht, zeigte Baudirektor Markus Kägi an einer Medienkonferenz in Uster - auch unter dem Aspekt der kulturhistorisch wertvollen Kraftwerksanlagen am Aabach. Stadtpräsident Martin Bornhauser beleuchtete Chancen und Herausforderungen der Lage der «Wohnstadt am Wasser».
Schon immer bedeutete Wasser Fluch und Segen zugleich. Seit je her siedeln die Menschen an Flüssen, Bächen und Seen und machen sich die Nähe zum Wasser in unterschiedlichster Weise nutzbar. Mit der Industrialisierung intensivierte sich die Wassernutzung, immer grössere Siedlungen und Anlagen entstanden entlang der Gewässer. Ein typisches Beispiel dafür ist das Zürcher Oberland, wo die Wasserkraft im 19. Jahrhundert der Textilindustrie zum Boom verhalf. Dieser Boom rief nach Regeln für die Wassernutzung. Vor genau 175 Jahren vergab der Kanton Zürich erste Wasserrechte am Aabach, der wegen des Reichtums, den er dem Oberland brachte, später auch «Millionenbach» hiess. Doch die nahe an die Gewässer gerückten Bauten und Menschen kamen zunehmend den Urgewalten des Wassers in die Quere. Verheerende Überschwemmungen führten ab dem 19. Jahrhundert zur Verbauung und Kanalisierung von Bächen und Flüssen im ganzen Kanton Zürich. Als Folge der zunehmenden Wassernutzung durch die Industrie, nicht nur zur Energieversorgung, sondern auch für industrielle Prozesse, sowie durch den Bau von Kanalisationen für die menschlichen Siedlungen, verwandelten sich die Gewässer im Kanton bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts in eigentliche Kloaken.
Natürliche Gewässer nützen Mensch und Natur
Auch heute noch ist Wasser beides: Lebenselixier und Bedrohung. Je länger je mehr sind wir auf sauberes Wasser und die Energie aus Wasserkraft angewiesen, während fortschreitende Besiedelung und Klimawandel neue Anforderungen an den Schutz vor Hochwasser stellen. Der Umgang mit dem Wasser hat sich in den letzten Jahrzehnten freilich fundamental gewandelt. Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass dem Wasser Sorge zu tragen ist, will man es nutzen können. Je natürlicher der Zustand eines Gewässers, desto besser kann es seine Funktionen zum Wohl des Menschen erfüllen. Das Wasser ist durch natürliche Reinigungseffekte sauberer, Vegetation und Fauna sind artenreicher, die Landschaft reizvoller. Naturnahe Bäche und Flüsse können zudem mehr Wasser aufnehmen – sie treten seltener über die Ufer. Gerade im dicht besiedelten Kanton Zürich kommt eine weitere wichtige Funktion unverbauter Bäche, Flüsse und Seen hinzu: Die Menschen von heute zieht es ans Wasser – Wege und Aufenthaltsorte am Wasser sind höchst beliebte Erholungszonen.
Heute hat die kantonale Wasserwirtschaft immer diese drei Aspekte gleichzeitig im Auge: Wasser nutzen, Wasser schützen und den Schutz vor dem Wasser. Verbessern Kanton oder Gemeinden den Hochwasserschutz an einem Bach oder Fluss, so wird sein Umland nicht nur sicherer, sondern das Gewässer auch natürlicher und seine Ufer für Erholungssuchende einladender. «In dieser neuen Philosophie finden Schutz, Renaturierung und Erholung zusammen. Im Vordergrund steht, falls möglich, nicht mehr das Verbauen, sondern das Platzmachen» brachte es Baudirektor Markus Kägi auf den Punkt. Hinzu kommen technische Einrichtungen zur Reinigung des Wassers, die ständig neuen Formen der Gewässerbelastung gewachsen sein müssen. So wurde gerade kürzlich die 1956 in Betrieb genommene Abwasserreinigungsanlage Uster modernisiert und erweitert. Sie ist ein weiterer Beitrag zur nachhaltigen Gesundung des Greifensees.
Wasserbau im dicht besiedelten Gebiet – viele Ansprüche unter einem Hut
Besondere Herausforderungen stellen sich dem Hochwasserschutz im dicht besiedelten Gebiet. Das Schadenpotenzial ist hoch und folglich auch das Schutzbedürfnis. Gleichzeitig sind die Platzverhältnisse beengt und überlagert von vielen weiteren Ansprüchen. Wie damit umzugehen ist, zeigt beispielhaft ein Masterplan der Stadt Uster und des Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL) zu den städtebaulichen und landschaftsplanerischen Entwicklungschancen am Aabach. «Das Resultat der gemeinsam durchgeführten Planung waren klar bezeichnete Interventionsgebiete. Verschiedene Bauvorhaben entlang dieser sogenannten ‚blauen Entwicklungsachse‘ konnten in der Zwischenzeit erfolgreich realisiert werden» erklärte Stadtpräsident Martin Bornhauser. Auf dem Masterplan aufbauend entstand der generelle Wasserbauplan als wasserbauliche Strategie für den Aabach, der neben dem Hochwasserschutz auch die Aspekte Ökologie, Erholung und Gestaltung sowie die Kraftwerksanlagen mit berücksichtigt. Erste Massnahmen hat das AWEL 2009 bei der ARA Uster und 2010 am Stadtpark umgesetzt. Sie zeigen eindrücklich, wie ein Bach inmitten einer Stadt heute sicher, ökologisch und für die Menschen ansprechend gestaltet werden kann. Ähnliche Projekte befinden sich in Kirchuster, im «Park am Aabach» und im Bereich des Zellweger-Areals in Planung.
Kraftwerkskette am Aabach: Kulturerbe retten, nachhaltig Strom produzieren
Besondere Beachtung verdient im Falle des Aabachs der Aspekt der Wasserkraftnutzung. Nicht nur wegen der hochaktuellen energiepolitischen Diskussion um erneuerbare, heimische Energiequellen, sondern auch aus historischen Gründen. Die zwölf historischen Kraftwerksanlagen zwischen Wetzikon und Uster bilden mit ihren Stauanlagen, künstlichen Weihern und einem ausgeklügelten Kanalsystem ein energetisches Kapital, aber auch ein kulturhistorisches Erbe ersten Ranges. Doch die Anlagen sind in die Jahre gekommen, die ursprünglichen Betreiber teilweise nicht mehr existent. Gleichzeitig sind die Ansprüche an Wirtschaftlichkeit und Naturverträglichkeit von Kleinwasserkraftwerken stark gestiegen. Auf dieses Dilemma antwortet die kantonale Baudirektion mit einem Konzept zur Erhaltung der Kraftwerkskette. Das Konzept, das in enger Absprache mit den Eigentümern der Kraftwerke entsteht, hat einen rentablen Betrieb unter Einhaltung der heutigen ökologischen Bestimmungen und die Erhaltung der kulturhistorisch wertvollen Gebäude und Anlagen zum Ziel (siehe zweiter Kasten).
Die Hochwasserschutz-Strategie des Kantons Zürich
Seit 1910 hat sich die Zahl der Gebäude im Kanton Zürich fast verdreifacht. Mit der zunehmenden Bebauung wuchs der Druck auf die Gewässer, die oftmals eingeengt, begradigt und eingedolt wurden. Gleichzeitig stieg das Schadenpotenzial von Hochwassern stark an, auch weil sich in den Untergeschossen vieler Gebäude zunehmend sensible Installationen, Infrastrukturen und teure Sachwerte befinden. Und die Heftigkeit von Hochwasserereignissen dürfte in Folge der Klimaveränderung noch zunehmen.
So reagiert die Baudirektion auf diese Herausforderung:
Strategie
- Der Hochwasserschutz ist in erster Linie durch Unterhalt der Gewässer zu gewährleisten sowie durch planerische Massnahmen, die das Schutzziel berücksichtigen. In den Gebieten, in denen der erforderliche Hochwasserschutz nicht erreicht werden kann, sollen Schutzbauten gegen Hochwasser oder Objektschutzmassnahmen situationsgerecht geplant und realisiert werden.
- Für Gemeinden werden Hochwassergefahren- sowie Risikokarten erstellt. Die Gemeinden werden verpflichtet, eine abgestützte Massnahmenplanung zu erstellen.
- Die Art der Hochwasserschutzmassnahmen richtet sich nach dem Schutzziel und der geplanten Funktion des Gewässers.
- Der Gewässerunterhalt richtet sich nach den Bedürfnissen der Sicherheit, der Ökologie, der Wirtschaftlichkeit und der Erholung.
- Den stets verbleibenden Restrisiken ist mit einer Notfallplanung und einer entsprechenden Notfallorganisation zu begegnen.
- Stauanlagen dürfen auch bei extremen Hochwassern nicht versagen. Ihre Sicherheit wird überprüft.
- Bei der Einleitung von Regenwasser aus grösseren Einzugsgebieten oder bei grossen Einleitungen in kleine Gewässer sind im Einzelfall Rückhaltemassnahmen vorzunehmen.
Auf der Grundlage dieser Strategie und nach klaren Kriterien priorisiert, setzt das AWEL die kantonalen Hochwasserschutzprojekte um und schützt damit jährlich mindestens 3 Quadratkilometer zusätzliche Siedlungsfläche im Kanton wirksam vor Hochwasser. Gleichzeitig koordiniert und überwacht sie die erforderlichen kommunalen Hochwasserschutz-Vorhaben.
Das Konzept zur Erhaltung der Kraftwerkskette am Aabach
Für einen zukunftsfähigen Betrieb zur Erhaltung der historischen Kraftwerksanlagen setzen sich die Eigentümer, das AWEL und die kantonale Denkmalpflege folgende Ziele:
- Steigerung der Stromproduktion
- Wirtschaftlicher Betrieb durch zentrale Steuerung und gemeinsamen Unterhalt der Anlagen
- Teilweise Modernisierung der maschinellen Einrichtungen, Erhaltung der historischen Anlagen für die Nachwelt
- Erhöhung der Restwassermengen
- Gleichmässiger Wasserabfluss aus dem Pfäffikersee (kein Sunk- und Schwallbetrieb mehr)
- Sicherstellen der Fischgängigkeit vom Greifensee bis zur Wildbachmündung in Wetzikon
- Rechtliche Bereinigung der Konzessionen
- Neue Regelung der Zuständigkeiten und Verpflichtungen
(Medienmitteilung der Baudirektion)
